Sonntag, 24. Oktober 2010

Traum und Albtraum

 Ich werde oft gefragt, "Thomas, wenn du ein Photograph wärst, welche Kamera würdest du dir kaufen?". Meine Antwort lautet stets "Ha hah, das ist eine interessante Frage, mein Lieber! Es wäre eine Leica M9.".
Aber ganz im Ernst: ich werde das nie gefragt.

 Heute wollte ich eigentlich über unsere Universitätsbibliothek schreiben - und das werde ich auch -, aber vorher möchte ich noch von dem Traum erzählen, von dem ich vor einigen Stunden erwacht bin. Es war eine irrwitzige und äußerst gewalttätige Jagd nach einer Serienmörderin, die aber eine Schwäche hatte (welche wir natürlich erst ganz zum Schluss herausgefunden haben): Sie musste immer ihren Pfand zurückbringen. Ohne Witz, in der letzten Szene des Traumes bringen wir sie zu Fall, indem wir all ihre Glasflaschen, die noch übrig sind, aus dem riesigen Kofferraum ihres Kombis kistenweise auf die Straße kippen, sodass diese auf dem Pflasterstein zerplatzen. In ihrer Pein merkt sie nicht, wie einer der mutigen Detektivfreunde sich von hinten mit einem Morgenstern an sie heranschleicht und ihr mit diesem den Schädel zertrümmert. Happy End, aufgewacht :)

 Obwohl ich gestern etwas krank geworden bin, muss daher heute trotzdem ein guter Tag werden! Jeder ist krank in Großbritannien. Ich hätte den Ausbruch durch eine mehrtägige Schonzeit mit viel Pflaume-Zimt-Tee fast verhindern können, doch kam mir ein Wasserkocher (oder besser: eine Wasserkocherin) in die Quere; ein schlaues Mädchen kam um ein Uhr nachts nämlich auf die schlaue Idee, noch Wasser kochen zu müssen und scheinbar ist irgendetwas schief gegangen, jedenfalls hat sie den Feueralarm ausgelöst. Das heißt: Aus dem schönen warmen Bett rollen, sich noch eine Hose anziehen, in die Flip Flops schlüpfen und so schnell wie möglich in die rettende, eiskalte Nacht fliehen. Wenn man nämlich zu langsam evakuiert, gibt es Extrafeueralarmübungen für alle. Nun, da standen wir, die Dopaminproduktion florierte und mir war kalt. Das war der letzte Tropfen, den ich seit Tagen umschiffte...


 Aber eigentlich sollte es um die Universitätsbibliothek gehen. Haile sagt immer "you could just die in there" und sie hat Recht. Sie ist gigantisch, selbst wenn man nur den sichtbaren Teil betrachtet. Es gibt angeblich noch einen Keller, in dem die kostbaren Bücher aufbewahrt werden, aber jene sind für mein junges Fach nicht von Belang. Aber cool wäre es dennoch, einen Bibliotheksmitarbeiter mit einer Fackel in die Katakomben des Backsteingiganten zu schicken und mit Ghouls ringen zu lassen, um mir schließlich einen alten verstaubten Folianten mit aller Behutsamkeit auf die Theke zu betten. Jede Seite mit einer Pinzette umwälzen...ach.
  Durch eine Drehtür gelangt man in die Eingangshalle, wo Marmorstatuen von Römischen Feldherren stehen, daneben moderne Portraits von schlauen Köpfen.
  Links ab in einen Gang hinter dem sich hunderte blauer Schließfächer verstecken, welche mit selbstgewählten Codes ab- und wieder aufgeschlossen werden können. Zu den Büchern gelangt man nur, wenn man seine Universitätskarte abscannen lässt. Dies entriegelt eine weitere Drehtür. Ihr seht, von außen wie von innen gleicht sie einem Gefängnis.

  Die ersten Gänge, die man zu Gesicht bekommt sind beeindruckend, Regale und Tische aus edlen Hölzern, hängende Lampen und alte Bücher. Das Photo davon leider nur mäßig, da das Photographieren in diesen Gemäuern vermutlich nur sehr ungern gesehen würde, daher im Verborgenen geschah. Ihr müsst euch vorstellen: Wenn man kein Akademiker ist, muss ein Referenzschreiben mitbringen und blechen, damit man überhaupt rein darf. In den ersten beiden Studienjahren darf man nichts ausleihen; etc., etc..
 Zur Psychologieabteilung, welche sich über drei Stockwerke erstreckt, kommt man über ein enges Treppenhaus im Südflügel. Damit ihr nachvollziehen könnt, warum ich für mein erstes Buch fast eine Stunde gebraucht habe, um es zu finden:


 Über uns: ein Gang in der Psychologie- abteilung.
 Neben uns: ein Nebengang mit den entsprechenden Büchern.


  Da in den Regalen kein Platz mehr war, ist man auf die Tische ausgewichen.

  How could you guess, I might have trouble finding my book? Eine Beispielsignatur: das Buch The "Sissy Boy Syndrome" von Richard Green, mit dem ich gestern abgeschlossen habe: 244.c.98.781.
Die erste Zahl geht glaub ich von 100 bis 999 und ist nicht in aufsteigender Reihenfolge sortiert (so wie eigentlich gar nichts in dieser Bibliothek). Es gibt a bis d, aber auch jeweils 1,2,3, und 4 a bis d. Die nächste Zahl ist zwei oder auch manchmal dreistellig, die nächste geht glaub ich bis unendlich :)
 Aber: jedes Buch, dass sie als verfügbar angeben, ist auch genau auf seinem Platz. Nice.















 Ein Blick hinter die Ostfassade, da ihr sonst einen falschen Eindruck durch das erste Bild vermittelt kriegt. Aber ich mag die Architektur.


 Der japanische Bronzewächter vor dem Aoi-Pavillion (japanische und chinesische Werke), der zu wissen scheint, dass ich nur PPS studiere...








 Zwei Zahlen, die euch in Erstaunen versetzen sollen: über 7.000.000 Bücher und 1.500.000 Zeitschriften. Wer in Trier studiert, weiß, dass ist mehr als das Sechsfache der Trierer Universitätsbibliothek. Warum? Die UL besitzt das Pflichtexemplarrecht, kriegt also ein kostenfreies Exemplar jedes Buches, jeder Zeitschrift, jedes Plans und jeder Partitur, der/die/das in Großbritannien und Irland herausgebracht wird.
 Der ganze Rest steht in den zahlreichen Fakultäts- und Collegebibliotheken. Kein Wunder, dass meine Leselisten immer so lang sind...

Kommentare:

  1. Hmmm.. allein deine Schilderungen geben mir ein ganz wohliges Bibliotheksgefühl .. heimlich rein schleichen, irgendwo unter ein Regal kuscheln und tausend Jahre lang Winterschlaf halten.
    Ohh yea!

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  2. Indeed...und es riecht überall nach alten Büchern ~~.

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